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Brasilien: Der Urwald soll brennen! - ZEIT ONLINE

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Der Urwald soll brennen! – Seite 1

Zu den politischen Instrumenten des brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro gehört eine Haltung, die seine Landsleute als cara de pau bezeichnen: das dreiste Abstreiten sämtlicher Entwicklungen, die gerade ungelegen kommen. Jetzt wüten seit Wochen schon gewaltige Feuer im brasilianischen Amazonaswald – und bei Bolsonaro ist die cara de pau im vollen Einsatz.

"Ein sensationalistischer Ton!", beschwerte der Staatschef sich in der Nacht über seinen französischen Amtskollegen Emmanuel Macron. Der hatte eine "internationale Krise" ausgerufen, weil der Amazonaswald brennt, und vorgeschlagen, dass die G7-Staaten darüber sprechen. Und das war nur das jüngste Bolsonaro-Dementi.

Der Präsident leugnet schon seit Wochen alle erdenklichen Hiobsbotschaften, die aus dem nördlichen Teil seines Landes kommen. Im Juli stellte die brasilianische Weltraumbehörde eine Steigerung der Abholzungsgeschwindigkeit um mehr als 200 Prozent gegenüber dem Vorjahr fest – und Bolsonaro ließ einfach ihren Chef rausschmeißen. Anführer indigener Völker berichten seit Monaten von zunehmender Gewalt und Morden in den Wäldern, weil sie ihren Lebensraum vor Bulldozern und Kettensägen verteidigen wollen – aber Bolsonaro hat nicht mal Zuspruch für sie übrig.

Schuld seien die Umweltschützer

Im Juli zweifelte Bolsonaro erst mal den Mord an einem indigenen Häuptling an, der mit Messerstichwunden in einer Gegend gefunden wurde, wo Goldgräber illegal in die Indianergebiete eindringen. Und jetzt, wo der Amazonas buchstäblich brennt? Bolsonaro spielte es erst tagelang runter – und dann, als es nichts mehr zu leugnen gab, schob er in einem absurden Statement die Schuld den Umweltschutz- und Menschenrechtsorganisationen zu. Sie seien "die größten Verdächtigen" für die Brände, weil sie ihm eins auswischen wollten.

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Man darf die Informationspolitik Bolsonaros nicht missverstehen: Der Rechtsaußenpolitiker betreibt hier nicht etwa eine ungeschickte Form von Schadenbegrenzung. Er will nicht eine missliche Situation, die ihm aus dem Ruder läuft, besser aussehen lassen. Vieles spricht dafür, dass Bolsonaro will, dass der Amazonas brennt: Die "wirtschaftliche Erschließung" weiterer Teile des Amazonaswalds ist ein wichtiger Bestandteil der Bolsonaro-Regierungspolitik, und die Folge ist, dass Bäume fallen.

Die Fakten zum Feuer: Die Satelliten des brasilianischen Weltrauminstituts INPE zählten zuletzt knapp 73.000 Brandherde, 83 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Etwa die Hälfte davon brennt in der Amazonasregion selbst und etwa 30 Prozent in der südlich angrenzenden Savannenregion. Die Brände haben auch Nachbarländer wie Bolivien und Paraguay erreicht. Zum Wochenbeginn wurden sogar die Bewohner der Wirtschaftsmetropole São Paulo von der gigantischen Rauchwolke am Himmel überrascht, die vom Amazonas aus über den Kontinent zieht. Es ist eine große Wolke, São Paulo liegt 3.000 Kilometer vom Amazonasgebiet entfernt.

Verabredungen zur Brandrodung

Die Feuer haben zwei Ursachen. An vielen Orten werden sie bewusst gelegt: Im Bundesstaat Pará etwa berichteten lokale Medien, dass Agrarunternehmer sich am 10. August zu einem "Tag des Feuers" verabredet hätten, sozusagen als Demo und zur Feier einer weiteren Expansion in den Wald. Im Norden Brasiliens ist das eine weitverbreitete Spekulationsmethode: Man rodet eine Waldfläche, in aller Regel illegal, häufig in Schutzgebieten für indigene Völker oder in Naturschutzparks. Man steckt sie in Brand und stellt später ein paar Rinder drauf, damit die Fläche als "landwirtschaftliche Nutzfläche" gilt. Man hofft darauf, dass in ein paar Jahren das illegal erschlossene Landstück nachträglich als Besitz anerkannt wird. Häufig kommt es auch so. Etliche örtliche Behörden und Gerichte machen mit den Agrarspekulanten gemeinsame Sache.

Anderswo brechen die Feuer auf natürliche Weise aus, Feuer gibt es am Amazonas jedes Jahr. Allerdings waren es bisher längst nicht so viele wie 2019. Klimaforscher und Waldexperten glauben inzwischen klar nachweisen zu können: Es brennt so viel, weil der Wald ungewöhnlich trocken ist. Der Wasserhaushalt des Amazonasgebiets, der durch Verdunstung seinen eigenen Regen herstellt und die Feuer üblicherweise rasch löscht, ist durcheinandergeraten. Das wiederum ist eine Folge der rasanten Abholzung, die sich in Brasilien inzwischen auf eine Geschwindigkeit von drei Fußballfeldern pro Minute beschleunigt hat. Seit den Siebzigerjahren sind ungefähr 20 Prozent des brasilianischen Regenwalds verschwunden, weitere 20 Prozent gelten als ausgedünnt.

Umweltschutz ist etwas für "Leute, die Grünzeug essen"

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Bolsonaro macht schon seit seinem Wahlkampf im vergangenen Herbst klar, dass er den Amazonas verändern will: mehr Weide- und Ackerland, mehr Autobahnen, Brücken, Wasserkraftwerke. Die Regierung hat mehrere Infrastrukturgroßprojekte in der Region begonnen und lässt kaum eine Woche verstreichen, in der sie keine zusätzlichen Abholzungsgenehmigungen erteilt und Schutzrechte für die Natur und für angestammte indigene Völker aufweicht: durch Dekrete, Verwaltungsakte und das Einbringen von Gesetzen ins Parlament.

Doch auch ganz ohne Veränderungen an der Gesetzeslage gelingt es Bolsonaro seit Monaten schon, das Roden zu beschleunigen: indem er so redet, wie er es tut. Das Amazonasgebiet ist ein wenig wie der Wilde Westen, staatliche Organe sind Tages- oder Wochenreisen weit entfernt, also gibt es wenig Aufsicht und Kontrollen. Und dann sagt der Präsident persönlich: Indigene leben "wie Tiere im Zoo"! Umweltschutzbeamte seien "eine Strafzettelindustrie"! Umweltschutz sei etwas für "Leute, die Grünzeug essen"! Der bolsonarofreundliche Gouverneur des Amazonasstaates Acre teilte seinen Landwirten sogar mit: "Wenn die Umweltbehörde euch eine Strafe aufbrummt, sagt mir Bescheid und bezahlt keinen Pfennig, denn jetzt habe ich hier das Sagen."

Selbst der von Bolsonaro eingesetzte Umweltminister Ricardo Salles gab vor einigen Wochen noch Erklärungen ab, nach denen die "hart arbeitenden" Holzfäller die große Stütze des Landes seien. Salles ist auch dafür verantwortlich, dass die Umweltaufsichtsbehörde Ibama seit Jahresbeginn weitere große Teile ihres Budgets und etliche Kompetenzen verloren hat. Ähnlich sieht es bei der Indianerschutzbehörde Funai aus. In beiden Organisationen haben inzwischen Vertreter des Agrobusiness viel zu sagen.

"Ich bin Hauptmann Motorsäge"

Interessanterweise hat der Umweltminister Salles – der von mehreren Umweltschutzgruppen, Wissenschaftlern und Oppositionspolitikern diese Woche zum Rücktritt aufgefordert wurde – einen neuen Aktionsplan für den Amazonas vorgestellt. Der Minister erklärt nun, er wolle "die Erzählung wahr werden lassen, dass der Amazonaswald stehend mehr wert ist als abgeholzt". Er will auch "kapitalistische Antworten" auf diese Herausforderung finden, ein wirtschaftlich stärkeres "Amazonas 4.0" schaffen. Wozu für Salles die Biotechnologie gehört, aber auch ein "ökologisch verantwortungsbewusster Bergbau".

Salles leugnet im Gegensatz zu anderen Mitgliedern der Regierung auch die voranschreitende Abholzung nicht. "Niemand bezweifelt, dass mehr abgeholzt wird, aber das darf nicht der Bolsonaro-Regierung angelastet werden", sagte er. Er versprach diese Woche sogar ein härteres Vorgehen gegen illegale Abholzung und Brandstiftung in der Region – was freilich der bisherigen Politik exakt zuwiderliefe. Es ist unklar, was von diesen Plänen wirklich umgesetzt werden soll und ob der Präsident dahintersteht.

Dieser rasch der Öffentlichkeit vorgelegte Salles-Plan zeigt immerhin eines: Deutliche internationale Kritik, wie sie gerade wieder von Macron kam, ist der Bolsonaro-Regierung offenbar nicht egal. Sogar Vertreter des brasilianischen Agrobusiness, darunter der Sojakönig und frühere Landwirtschaftsminister Blairo Maggi, hatten zuletzt gewarnt: Das schlechte Image durch die Amazonasabholzung und die flapsigen Sprüche des Präsidenten ("Ich bin Hauptmann Motorsäge") schadeten den Agrarexporten. Und mit der Agrarlobby, das weiß Bolsonaro, legt man sich in Brasilien besser nicht an.

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2019-08-23 07:32:09Z
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