Ein unauffälliges Plakat lockt zum Fachvortrag in der Schlosspark-Klinik. Um „Fettleber – (K)ein Grund zur Sorge?“ soll es gehen. Gut ein Dutzend Menschen finden an diesem kalten, nassen Novembertag zu dem Krankenhaus am Rande des Schlossgartens in Berlin-Charlottenburg. Beim „Forum 11/2019“ im Tagungsraum Haus H der Abteilung für Psychiatrie spricht Dozent Fritz von Weizsäcker. Der Sohn des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker ist Chefarzt an der Schlosspark-Klinik. Es geht um sein Fachgebiet, „die Fettleber, eine weitgehend unbekannte, aber zunehmende Volkskrankheit“.
Nach ersten Ermittlungen der Polizei löst sich während des Vortrags plötzlich ein 57-jähriger Mann aus der Reihe der Zuhörer. Der bewaffnete Unbekannte, ein Deutscher, stürmt auf den Dozenten zu. Ein Polizist, der zufällig unter den Zuschauern sitzt, versucht noch, den Mann aufzuhalten. Der Beamte in seiner Freizeit wird dabei selbst schwer verletzt. Er wird später in ein anderes Krankenhaus gebracht.
Um 18.59 Uhr geht bei Feuerwehr und Polizei ein Notruf ein, Rettungssanitäter und ein Notarzt eilen zur Hilfe. Sie können dem schwer verletzten Spitzenmediziner nicht mehr helfen. Ein Wiederbelebungsversuch bleibt erfolglos. Der 59 Jahre alte Fritz von Weizsäcker ist tot.
Mehrere Zuhörer aus dem Saal können den Angreifer überwältigen. So kann er kurz darauf der Polizei übergeben werden. Über das Motiv des Angreifers ist zunächst nichts bekannt. „Das Tatmittel war ein Messer“, sagte eine Polizeisprecherin der Nachrichtenagentur AFP. Der 57-Jährige soll noch am Mittwoch einem Haftrichter vorgeführt werden. Er war der Polizei bislang nicht bekannt. Wie die „Bild“-Zeitung berichtet, soll der Mann aus Rheinland-Pfalz kommen. Seine Wohnung sei durchsucht, aber nichts Auffälliges gefunden worden. Das Blatt berichtete auch, der Mann sei „psychisch auffällig“. Die Polizei wollte sich zu Details zunächst nicht äußern.
Tatverdächtiger sollte noch in der Nacht verhört werden
Die Ermittlungen der Polizei laufen. Dabei soll auch die Familie von Weizsäckers befragt werden, ob es möglicherweise Hinweise auf eine Bedrohung des Internisten gab. Zudem sollte noch in der Nacht der Tatverdächtige verhört werden. Eine Mordkommission hat die Ermittlungen aufgenommen.
Am Tatort werden die Spuren gesichert. Gerichtsmediziner, Kriminaltechniker und Ermittler einer Mordkommission sichern am Tatort mögliche Spuren. Teile der privaten Klinik werden dafür abgesperrt.
Vor dem modernen Gebäude der Klinik stehen überall blau-weiße Wagen von Polizei und Ermittlern. Die Klinikleitung will sich zunächst nicht äußern. Die meisten Fenster der Klinik bleiben an diesem Abend dunkel.
Weizsäckers lange Karriere als Mediziner
Fritz von Weizsäcker, 1960 in Essen geboren, hatte eine lange Karriere als Mediziner hinter sich. Nach Stationen in Freiburg, Boston und Zürich war er seit 2005 Chefarzt der Abteilung Innere Medizin I an der Schlosspark-Klinik.
Das Opfer stammte aus einer sehr bekannten Familie. Sein Vater Richard von Weizsäcker (1920-2015) war von 1984 bis 1994 Bundespräsident, zuvor 1981 bis 1984 für die CDU Regierender Bürgermeister von Berlin (West). Seine Mutter ist die frühere deutsche First Lady Marianne von Weizsäcker (87).
Seine Eltern hatten 1953 geheiratet. Richard von Weizsäcker arbeitete damals als Jurist bei Mannesmann. Bis 1962 wohnte die Familie in Essen und Düsseldorf, zog dann nach Ingelheim und 1967 nach Bonn. Fritz von Weizsäcker war das jüngste der vier Kinder. Sein Bruder Andreas starb 2008, es leben noch die Schwester Beatrice (61) und der älteste Robert Klaus (64). Einer seiner Cousins ist der Umweltwissenschaftler und frühere SPD-Bundestagsabgeordnete Ernst Ulrich von Weizsäcker (80).
„Die Anteilnahme geht an die Witwe und die ganze Familie“
Über den Tod des Mediziners zeigt sich die Bundesregierung bestürzt. Dies sei „ein entsetzlicher Schlag für die Familie von Weizsäcker“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Mittwoch in Berlin. „Die Anteilnahme der Bundeskanzlerin und der Mitglieder der Bundesregierung insgesamt geht an die Witwe und die ganze Familie.“
Auch ein Sprecher des Bundesinnenministeriums sagte, der tödliche Messerangriff auf von Weizsäcker sei „mit Entsetzen“ zur Kenntnis genommen worden. Zu möglichen Schutzmaßnahmen für Angehörige früherer Bundespräsidenten wollte er auf Nachfrage keine Angaben machen.
Kurz nach der Tat drückte FDP-Chef Christian Lindner im Kurzbotschaftendienst Twitter seine Trauer aus: „Mein Freund Fritz von Weizsäcker wurde heute Abend in Berlin erstochen. Ein passionierter Arzt und feiner Mensch. Neulich noch war er bei uns zuhause zum Grillen. Ich bin fassungslos und muss meine Trauer teilen. Einmal mehr fragt man sich, in welcher Welt wir leben.“
Die Schlosspark-Klinik legte ein Kondolenzbuch aus. Die Mitarbeiter und die Teilnehmer des Vortrags erhalten der Klinik zufolge psychologische Unterstützung. Geschäftsführer Mario Krabbe erklärte, mit von Weizsäcker habe die Klinik „einen hervorragenden Arzt und überaus geschätzten Kollegen verloren“.
2019-11-20 13:28:00Z
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