„Hier geht es drunter und drüber“ : Thomas Cook streicht alle Reisen bis Ende Oktober
Düsseldorf Über das Ende der NRW-Herbstferien hinaus storniert Thomas Cook hierzulande die Reisen. Ein Urlauber aus Neuss berichtet, wie ihm die Insolvenz des Touristikkonzerns die Ferien auf Gran Canaria verdirbt.
Die Krise beim deutschen Ableger des britischen Tourismuskonzerns Thomas Cook spitzt sich zu: Am Donnerstag wurde zwar die Düsseldorfer Kanzlei Hermann Wienberg und Wilhelm als vorläufiger Insolvenzverwalter für die drei Gesellschaften Thomas Cook GmbH, Thomas Cook Touristik GmbH und Bucher & Öger Tours GmbH ernannt. Doch aus politischen Kreisen sickerte durch, dass es – anders als beim Ferienflieger Condor – möglicherweise keine weitere Staatsbürgschaft geben werde. Damit wäre abzusehen, dass alle 660.000 bei Thomas Cook in Deutschland bis September 2020 gebuchten Reisen verfallen.
Offen ist zudem, wie es für die 2000 Beschäftigten weitergeht. Bis November gibt es Insolvenzgeld, doch dann könnten viele Stellen wegfallen. Auch vielen Reisebüros droht womöglich das Aus.
Mit sofortiger Wirkung stornierten die Insolvenzverwalter die bis zum 13. Oktober stattfindenden Abreisen, nachdem es seit Montag schon keine Abflüge bei Thomas Cook mehr gab. Das Unternehmen gab am Donnerstagabend darüber hinaus bekannt, alle Reisen bis zum 31. zu streichen. Die neue Streichaktion dürfte weitere Zehntausende Urlauber treffen, auch weil sie die Herbstferien von Nordrhein-Westfalen umfasst. Jetzt müssen die Fluggesellschaften Condor, Eurowings oder Tuifly die vielen Tausend von Thomas Cook zurückgegebenen Tickets neu verkaufen. Am Nachmitttag waren noch One-Way-Tickets von Düsseldorf nach Mallorca am 13. Oktober für 139 Euro bei Condor zu erwerben, durchaus günstig für den ersten Feriensonntag.
Auch aktuell ist die Lage angespannt: Thomas Cook berichtet zwar, dass noch rund 70.000 Urlauber in den Zielgebieten seien, die alle ihren Urlaub planmäßig bis zum Ende durchführen könnten, weil die Insolvenzversicherung Zurich die Kosten für Hotels und Rückflüge übernimmt. Tatsächlich aber hat eine Reihe an Hotels auf Mallorca die Gäste aufgefordert, den Aufenthalt erneut zu zahlen. Das berichtet die „Mallorca Zeitung“. Ein Mann sagte der Redaktion, er habe 800 Euro bezahlt – „das Wort Nötigung ist da zu harmlos, das ist Erpressung“.
„Hier geht es drunter und drüber“, erzählt auch der Neusser Bürokaufmann Thorsten Kuckei von Zuständen im Hotel „Sentido Princess“ auf Gran Canaria. Die Hotelleitung habe ihn und einige Dutzend deutscher Gäste aufgefordert, die Rechnung zu begleichen, sonst müssten sie das Haus verlassen. Einige Gäste hätten ihre Zimmer versperrt aufgefunden, als sie vom Strand kamen, einige hätten unter diesem Druck dann auch gezahlt. Jetzt haben die Gäste den deutschen Konsul eingeschaltet, um nicht auf der Straße schlafen zu müssen. Kuckei hofft, mit seiner Freundin am Wochenende nach Hause fliegen zu können, am 4. Oktober heiratet das Paar. Doppelt zahlen will er auf Rat eines Anwaltes nicht. Denn es sei unsicher, ob Zurich das ausgelegte Geld erstattet. Der von Zurich beauftragte Dienstleister Kaera warnt auf seiner Internetseite davor, Hotels selbst zu bezahlen.
Allen Bürgern, deren Reisen wegen der Insolvenz gestrichen werden, droht, dass sie nur einen Teil des Geldes zurückerhalten. Darauf macht Felix Methmann aufmerksam, Reiserechtsexperte beim Bundesverband der Verbraucherzentralen. „Wenn, wie von Thomas Cook bestätigt, 660.000 Gäste betroffen sind, befürchten wir, dass die 110 Millionen Euro an Versicherungssumme in Deutschland nicht ausreichen.“ Methmann fügt hinzu: „Das ist ja nur eine Versicherungssumme von 166 Euro pro Reisenden. Gemessen daran, dass von den Reisen im Herbst sicher viele schon ganz bezahlt wurden, ist das eine sehr niedrige Summe.“
Der Schadenabwickler Kaera bestätigt auf seiner Internetseite, dass die Rückzahlung aller Einzahlungen unsicher ist. Es seien maximal 110 Millionen Euro verfügbar für Entschädigungen von Thomas Cook Kunden, räumt auch er ein. Falls der Schaden höher sei, würden die Urlauber proportional nur einen Teil ihrer Forderung erstattet bekommen.
2019-09-27 05:50:00Z
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